Du hast sie gefunden.

Mora

Die Katze, die im Kalender wohnt. Miete zahlt sie nicht.

Niemand weiß, woher sie kam. Sie war einfach da: ganz in Schwarz, schlecht gelaunt und sehr gut aussehend. In dieser Szene fiel das zunächst niemandem auf.

Die erste Nacht

Es war der 2. November, Allerseelen, die Nacht, in der man den Toten ein Licht ins Fenster stellt. In dieser Nacht wurde der Kalender zum ersten Mal aufgeschlagen. Das Datum war Zufall. Das glaubt uns nur niemand.

Als die ersten Partys und Konzerte eingetragen waren, saß zwischen den leeren Tagen eine schwarze Katze und sah zu. Beeindruckt wirkte sie nicht. Das gehört hier zum guten Ton. Am Morgen war sie fort. Am Abend saß sie wieder da, als hätte sie jemand eingeladen. Hatte niemand.

Ihren Namen hat sie aus den alten Geschichten: Die Mahr oder Mora ist der Nachtgeist, der sich den Schlafenden auf die Brust setzt. Wer eine Katze hat, nennt das Dienstag. Diese hier sitzt lieber am Rand der Tanzfläche. Wer sie dort sieht, schläft ohnehin nicht, das spart ihr den Weg.

Woran man sie erkennt

  • Die Kerbe im linken Ohr. Angeblich aus einer Sturmnacht auf einem alten Friedhof. Mora schweigt dazu. Der Friedhof auch.
  • Augen wie Bernstein. Der schwarze Rand drumherum ist echt. Die halbe Szene braucht dafür morgens vierzig Minuten.
  • Das Fell. Schwarz von Geburt an. Sie ist die Einzige hier, die sich noch nie gefragt hat, ob das nach der Wäsche noch Schwarz ist oder schon Dunkelgrau.
  • Das Halsband mit dem silbernen Halbmond. Ihr einziger Schmuck. Für hiesige Verhältnisse ist sie damit praktisch nackt.

Moras Festivaljahr

  • Wave-Gotik-Treffen, Leipzig. Zu Pfingsten sieht vier Tage lang eine ganze Stadt aus wie eine Beerdigung, auf die sich alle seit einem Jahr gefreut haben. Mora zählt die Nächte bis dahin. Laut, um drei Uhr morgens. Beim Viktorianischen Picknick sitzt sie im Korb. Das Sandwich gehört jetzt ihr.
  • Amphi, Köln. Zum Auftakt gehen im Juli Hunderte schwarz gekleidete Menschen auf ein Schiff. Mora kennt genug Filme, die so anfangen, und bleibt an Land.
  • M'era Luna, Hildesheim. Samt und Lack im August auf einem Flugplatz. Mora sitzt im einzigen Schatten weit und breit. Er gehört jemandem in einem sehr langen Mantel. Von dort sieht sie zu, wie der Eyeliner langsam Richtung Kinn wandert.
  • Plage Noire, Ostsee. Strandurlaub im November. Endlich mal Badewetter, bei dem niemand braun wird.

Was Mora nachts tut

  • Sie tanzt nicht. Sie sieht zu, wie alle anderen unsichtbare Spinnweben aus der Luft pflücken, und versucht, sie zu fangen.
  • Sie wartet im Nebel auf das eine Lied, das nie gespielt wird. Gespielt wird „Temple of Love“. Schon wieder.
  • Steht ein Konzert zweimal im Kalender, frisst sie eines davon. Satt wird sie davon nie.
  • Sie sitzt auf jedem Flyer, der zu lange auf dem Tisch liegt. Am liebsten auf dem Datum. Absicht lässt sich nicht nachweisen.
  • Sie findet, dass deine Lieblingsband früher besser war. Das sagt sie nicht. Sie sieht dich nur an.
  • Bei Schlagerpartys dreht sie sich um und geht. Bei falschen Tönen von ganz rechts faucht sie, bis sie verschwunden sind. Es ist die einzige Arbeit, die sie gern macht.
  • Ist bei den „Gesichtern der Szene“ noch ein Platz frei, setzt sie sich dorthin und tut so, als wäre nichts. Wer sie wegschicken will, darf das gern versuchen.
  • Fehlt hier mal etwas, hat Mora es vom Tisch geschubst. Sie hat dich dabei angesehen.

Moras Regeln

  1. Wer pünktlich ist, darf sie streicheln. Das Angebot ist sicher: Vor Mitternacht kommt hier sowieso niemand.
  2. Freitag, der 13., ist ihr Feiertag. Sie arbeitet dann genauso wenig wie sonst.
  3. Schwarz ist keine Farbe, sondern eine Haltung. Sie hatte keine Wahl, tut aber so.
  4. Sonne lehnt sie aus Prinzip ab. Den warmen Fleck am Fenster nennt sie anders.
  5. Auf „Wie geht's?“ lautet die richtige Antwort „Schlecht, danke“. Gelächelt wird innerlich.
  6. Wer beim letzten Lied die Tanzfläche verlässt, findet am nächsten Morgen ein Katzenhaar auf dem Mantel. Auf Schwarz sieht man es nicht. Es ist trotzdem da.
  7. Ein Abend ohne Nebelmaschine zählt nur halb. Der Eintritt zählt leider ganz.
  8. Alle hier sehen aus, als kämen sie gerade von einer Beerdigung, und halten dir trotzdem die Tür auf. Das ist die einzige Regel, die wirklich zählt.

Wo du sie findest

Manchmal schaut sie oben rechts über den Rand des Kalenders, manchmal taucht sie kurz ganz oben auf. Wer blinzelt, hat sie verpasst. Ist gerade nichts los, schläft sie. Ist etwas los, auch.

Wer sie erwischt, landet hier. Verrat es nicht jedem. Sie mag keinen Trubel. Nur Partys.

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